Kapitel 3

Alles, was vom gestrigen Abend geblieben war, war der Verband um Dinas Stirn. Zumindest was ihre äußeren Verletzungen anging. Was in ihrem inneren vorging, konnte sie selbst noch nicht mit Gewissheit sagen. Nachdem sie sich hatte verarzten lassen, war sie sofort ins Büro geeilt und hatte ihre Kolleginnen und Kollegen dazu genötigt, selbiges zu tun. Zusammen hatten sie die ganze Nacht durchgearbeitet, bis in die Morgenstunden.

Nach einem Kaffeefrühstück saßen sie im Besprechungszimmer und trugen ihre bisherigen Ergebnisse vor. Während ihre Einheiten dazu verpflichtet waren, in gewohnter Polizeiuniform aufzutreten, war es Dina als Abteilungsleiterin möglich, Alltagskleidung zu tragen. Sie trug eine weiße Bluse und einem schwarzen, knielangen Rock. Ihre Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Nur zwei Haarsträhnen, die ihre Ohren nicht bändigen konnten, rahmten ihr verschlafenes Gesicht ein.

„Wir gehen davon aus, dass die Sprengsätze falsch platziert waren. Alles deutet darauf hin, dass der Täter nicht viel Ahnung von der Materie hat.“, erklärte gerade Charles – oder Charly, wie ihn alle nannten. Der gerade von der Polizeischule frisch zu Dinas Abteilung gestoßene Jahrgangsbeste hatte lateinamerikanische Wurzeln und war definitiv etwas fürs Auge. Er hatte welliges, kastanienbraunes Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte. Deine Uniform passte ihm wie maßgeschneidert. Während er die bisher zusammengetragenen Informationen zusammenfasste, zeichnete er eine eher bescheidene Skizze des Hochhauses an ein Whiteboard.

„Die Grundpfeiler des Gebäudes blieben unbeschädigt, weshalb es glücklicherweise nicht eingestürzt ist. Nur die Decken der Stockwerke 40, 33 und 2 sind eingestürzt. Der bisherige Schaden konnte noch nicht errechnet werden.“

„Ich glaube nicht, dass er-“, überhielte Dina und hielt plötzlich inne. „Ich meine…“

Die anderen schauten sie irritiert an.

„Der Täter hatte etwas anderes im Sinn.“, beendete sie ihren Satz.

„Ma’m?“, fragte Charly und zog die Augenbrauen hoch. „Was meinen Sie damit?“

„Hätte er das Gebäude zum Einsturz bringen wollen, hätte er das auch getan. Er wollte uns Angst machen.“

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Charly erstaunt.

„Nur so ein Gefühl.“

Ein betretenes Schweigen erfüllte den Raum. Dina versuchte ihre Müdigkeit in einem weiteren Schluck Kaffee zu ertränken, aber es gelang ihr immer noch nicht. Sie hatte sich vor der Besprechung vor dem Spiegel in ihrem Büro die Haare gemacht und dabei festgestellt, die tief ihre Augenringe waren. Niemandem konnte das entgangen sein, was ihr ein bisschen peinlich war.

„Wo waren die Sprengsätze angebracht?“, schaltete sich Alex ein. Dinas langjähriger Partner und vertrautester Freund in der Einheit arbeitete jetzt unter ihrem Kommando. Dina seufzte innerlich, weil sie bemerkt hatte, dass er sie wieder einmal in Schutz nahm. Das hatte er früher schon des Öfteren getan – und auch wenn Dina ihm dankbar dafür war, kam sie nicht umhin, seine Hilfe prinzipiell abzulehnen. Vor allem jetzt, wo sie doch selbst Stärke zeigen musste.

„Ich bin mir noch nicht ganz sicher.“, gab Charly zu. „Zwei Sprengsätze waren in Blumentöpfen nahe den Fensterscheiben versteckt. Sie wurden höchst dilettantisch dort eingebuddelt.“ Er seufzte peinlich berührt über seine eigenen Worte. „Die anderen Sprengsätze vermuten wir im Lüftungssystem, das sich durch die Decke zieht.“

„Ich will eine Liste mit den Angestellten, die noch spät abends dort beschäftigt waren.“, forderte Dina schließlich. „Außerdem die Arbeitszeiten aller Reinigungskräfte.“

„Ich denke auch, dass es unter den Reinigungskräften einen Helfer gegeben haben könnte.“, stimmte Alex zu.

„Ich übernehme das.“, bot Lisa an. Dinas blonde Kollegin war mit ihren 25 Jahren die Zweitjüngste in der Einheit und hielt zusammen mit Dina die Frauenquote in der Einheit aufrecht. Dina mochte sie gerne. Sie hatte Lisa als bodenständige und verlässliche Frau kennengelernt, die viel arbeitete, nie meckerte und trotzdem selten überfordert schien.

Wenn man bedachte, dass Charly von der Polizeischule den Direkteinstieg in die Spezialeinheit geschafft hatte, Dina die jüngste Abteilungsleiterin und Lisa mit ihren 25 Jahren ebenfalls ungewöhnlich früh in die Elitegruppe befördert worden war, kam man nicht umhin, als den Hut vor Dinas junger Abteilung zu ziehen.

Allerdings war Dina auch insgeheim froh, mit Alex jemanden in ihrem engsten Kreis zu haben, der zwei Jahre älter war als sie. Natürlich gab es noch ein paar ältere Haudegen, aber als Dinas langjähriger Partner verband sie mit Alex mehr als mit den anderen Agenten. Als Chefin war Dina noch grün hinter den Ohren und Alex würde dem Team in hektischen Zeiten die Ruhe und Einsicht geben können, die sie selbst nicht permanent an den Tag legen konnte. Sie war immerhin keine Maschine. Noch nicht.

„Okay, hier ein Vorschlag.“, unterbrach Alex die Debatte. „Wie wäre es, wenn wir erst einmal nach Hause gehen und uns heute Abend wieder treffen? Du siehst selbst ziemlich müde aus, Chefin. Wir könnten glaube ich alle etwas Ruhe vertragen.“

„Keine schlechte Idee.“, murmelte Dina verschlafen und dankbar über Alex’ Idee. „Danke für die Nachtschicht, Kollegen. Wir sehen uns heute Abend um 18 Uhr wieder.“

Dina flüchtete schneller aus dem Raum, als sie selbst bemerkte. Ihre Hand fuhr über ihre Stirn und tastete über kalten Schweiß. Ihr Kopf schmerzte so sehr, als würden viele kleine Nadeln darin stecken.

„Hey! Hey, Chefchen!“

Alex war ihr gefolgt. Er holte sie ein und legte einen Arm um ihre Schultern. Dina sah kurz zu ihm auf, achtete aber darauf, ihn nicht zu lange anzustarren. Er war einen halben Kopf größer als sie. Sein dunkelbraunes, kurzes Haar war gepflegt, der Pony schräg zur Seite gestylt, sein Bart glatt rasiert. An und für sich war er ein hübscher und einfühlsamer Mann – und er hatte etwas für Dina übrig, das war ziemlich offensichtlich. Sie musste aufpassen, dass sie Alex keine großen Hoffnungen machte. Sie mochte ihn als Freund und Kollegen, weshalb sie den Gedanken nicht ertragen konnte, ihn allzu sehr verletzen zu müssen.

„Geht’s dir nicht gut?“, fragte er besorgt. „Soll ich dich vielleicht heimfahren?“

„Geht schon. Mach dir wegen mir keine Gedanken. Es ist nur…“

„Was ist nur?“

„Er hätte uns alle töten können.“

„Er?“

Alex’ Gesichtsausdruck war teils verwirrt, teils alarmiert.

„Den Täter meine ich. Er hätte uns alle in die Luft sprengen können. Aber er hat es nicht getan. Ich frag mich nur warum? Was wollte er damit beweisen?“

„Vielleicht solltest du dir erst wieder den Kopf darüber zerbrechen, wenn er nicht mehr wehtut. Bist du sicher, dass ich dich nicht fahren soll?“

„Ich komme zurecht, danke. Wir sehen uns heute Abend.“, sagte Dina ungehalten und ließ ihren Partner stehen.

Alex runzelte die Stirn und schaute ihr noch einen Moment nach. Dann entschloss er sich, Dina wenigstens so lange hinterher zu fahren, bis sie sicher zu Hause angekommen war.

 

 

Es war inzwischen dunkel auf den Straßen. Die letzte Festung der Menschheit suggerierte mit einer Stromsparmaßnahme zu bestimmten Zeiten, dass es früher einmal eine Zeit gab, in der Menschen geschlafen hatten. Dina konnte sich gut daran erinnern. Nur hätte sie in ihrem Zustand ohnehin kein Auge zudrücken können, sei es Tag oder Nacht.

Sie lag auf ihrem Bett und starrte zur Decke. Es war 17:32 Uhr, was bedeutete, dass sie, wenn sie sich jetzt nicht aufraffte, mit Sicherheit zu spät zur Arbeit kam. In ihrem Kopf spielte sich immer wieder dieselbe Szene ab.

Repeat Track. Eine unendliche Schleife.

Warum war Jack wieder aufgetaucht? Wieso musste er wieder in ihr Leben treten? Und vor allem: Warum hat er versucht, mich umzubringen? Diese Frage stellte sich Dina unentwegt. Was für einen Grund hätte er, sie zu töten? Oder hat er es gar nicht versucht? Wollte er ihr bloß Angst einjagen? Er hatte einige Stockwerke gesprengt, aber niemand ist gestorben. Das alles erschien Diana wie eine Ankündigung. Eine äußerst geschmacklose Ankündigung.

„Es ist ungerecht, so etwas zu sagen. Immerhin habe ich viel vor in nächster Zeit.“

Dina verstand allmählich. Das war erst der Anfang. Sie seufzte und richtete sich mit Mühe und Überwindung zu einem Schneidersitz auf. Gegenüber ihres Bettes befand sich ein Fenster, dessen Jalousien halb geöffnet waren. Für eine kurze Weile starrte Dina hinaus in die Dunkelheit. Dabei hoffte sie, eine Gestalt zu erkennen, die sie von draußen beobachtete. Doch es war niemand da.

Ihr Blick richtete sich vom Fenster aus nach rechts zur Tür ihres einstöckigen Apartments. Ich habe absolut keine Lust jetzt aufzustehen, sagte sie sich immer wieder.

Schließlich raffte sie sich auf und taumelte wie trunken in die Küche, lief beinahe gegen den Tisch und öffnete die Tür zum Badezimmer. Dort befreite sie ihre Stirn von dem Verband und sah sich die Wunde an. Halbwegs zufrieden wusch sie ihr Gesicht mit Wasser, kämmte ihre Haare mehr aus Gewohnheit und weniger aus Begeisterung und sprühte sich zuletzt etwas Parfum auf den Hals.

Die Kleider, die sie den ganzen Tag schon angehabt hatte, rückte sie etwas zurecht, zierte ihre weiße Bluse mit einer schwarzen Krawatte und zog eine ebenso schwarze Lederjacke darüber. Ihre schulterlangen Haare ließ sie diesmal offen, weil sie hoffte, dass ihr Pony die Wunde etwas verdecken würde. Als letztes zog sie ihre Polizeimütze auf und biss kurz vor Schmerz die Zähne zusammen, als die Naht auf ihre Wunde drückte.

Sie würde ihn jagen müssen. Dina würde Jack stellen wie einen Verbrecher. Dabei war er so viel mehr für sie. Sie steckte die Dienstwaffe in das Holster an ihrem Gürtels und atmete tief durch. Wo auch immer du sein magst: Ich finde dich. Verlass’ dich drauf.

Mit der selbstbewussten Maske der Leiterin der Spezialeinheit verließ sie ihre Wohnung, hinaus in die unwirkliche Nacht von Hewilla.

 

 

Jack schlug die Stahltür hinter sich zu und ließ sich auf das verfranzte Sofa fallen. Die Jungs warteten bereits auf ihn. Der Aufenthaltsraum ihres Unterschlupfs war proppenvoll. Irgendjemand fauchte ihn mit jähzorniger Stimme an. Wie zu erwarten war.

„Boss, was sollte das?“

Jack ignorierte ihn. Er stöhnte erschöpft und sah zur Decke. Die anderen stellten sich um ihn, als wollten sie ihn einrahmen. Sie verstanden es nicht.

Sie verstehen einen Scheiß. Weil sie Idioten sind.

„Wolltest du das Gebäude nicht einstürzen lassen?“

„Verdammt, geh mir nicht auf die Nerven!“, brüllte Jack. „Ich wollte das Gebäude nicht einstürzen lassen! Ich wollte ein Zeichen setzen. Einen Weckruf loslassen. Denen sagen, dass wir jetzt da sind!“

„Und was wäre sinnvoller gewesen, als das beschissene Gebäude in die Luft zu jagen? Wer hat die verfluchten Sprengstoffe angebracht?“

„Jestan. Er hat nur das getan, was ich ihm aufgetragen habe.“, erklärte Jack.

„Das heißt, dass du ihm gesagt hast, wo er den Sprengstoff unterbringen soll?“

„Verdammt, ja, das hab ich doch gerade gesagt!“, fauchte Jack. „Geht ihr Penner mir jetzt vielleicht mal aus den Augen? Ich kann nicht nachdenken mit euch Vollidioten in der Nähe!“

„Komm, lass den Boss.“, sagte ein anderer. Die Hohlkörper verließen den Raum. Jack war allein.

Er starrte eine Weile zur Decke, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Dann griff er blind auf den Couchtisch, erwischte die Zigarettenpackung beim ersten Versuch und zündete sich eine Kippe an. Nach ein paar Zügen ließ er seine Hand mit dem Stummel schlaff nach unten baumeln. Er kicherte leise und schüttelte unverständlich mit den Kopf.

Was hab ich mir dabei gedacht? Die ganze scheiß Elite war dort. Der Bürgermeister. Die Presse. Die ganze beschissene Spezialeinheit.

Die Asche bröckelte auf den Boden, ohne dass Jack etwas davon mitbekam.

Habe ich Jestan wirklich gesagt, dass er die Sprengstoffe im Lüftungssystem anbringen soll?

Jack richtete sich auf, drückte die halbe Kippe auf dem Tisch aus und ließ den Rest auf den Teppich fallen. Dann stand er auf und betrat sein Zimmer nebenan durch eine weitere Stahltür. Dort starrte er in den Spiegel und sah ein fremdes Gesicht. Eingefallen, knochig, unrasiert. Blutunterlaufene Augen, tiefe Ringe. Er erkannte sich selbst nicht mehr. Kraftlos hob er seine rechte Hand und rieb sich damit über die Stirn, was verblüffend gut tat.

Werde ich verrückt? Bin ich es schon? Oder…

Wenn er es Jestan so aufgetragen hatte, dann hatte der es auf jeden Fall auch genau so erledigt. Er gehörte zu Jacks engsten Vertrauten.

Vielleicht bin ich einfach übermüdet.

Er schmiss sich mit dem Rücken auf das knarrende Bett, dessen durchgelegene Matratze von den Stahlfedern beinahe durchgedrückt war. Erneut starrte er zur Decke.

Ich bekomme ihr beschissenes Gesicht nicht aus dem Kopf. Warum war sie nochmal dort? War sie… oder… wusste ich das etwa schon vorher?

Wütend drehte er sich um und vergrub seinen Kopf im Kissen. Es roch nach Schweiß. Jack wollte nur noch schlafen. Stattdessen lachte er. Immer wieder und wieder. Unentwegt.

Ich bring dich um.

Obwohl sein Gesicht immer noch auf dem Kopfkissen lag, waren Jacks Augen weit geöffnet.

Ich verteile deine Innereien über deinen eigenen Schreibtisch und dann lache ich deinen Kollegen ins Gesicht. Du wirst schon sehen, Dina.

Und er lachte.

lachte.

lachte

 

(c) Julian Jungermann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.