2018 n.A. – Union – Rick

 

So viele Gesichter. Ein Meer aus Augen, die auf ihn gerichtet waren, als wäre er die neueste Attraktion, ein seltenes Tier in einem Käfig – nur dass es keine Gitterstäbe gab. Stattdessen war Rick an seinen Stuhl gefesselt. Vor ihm ein zerkratzter Holztisch, an dem schon viele andere vor ihm gesessenen hatten, die wie er an einem dieser Tage von all diesen Augen angeglotzt wurden. Ricks Finger zitterten, weshalb er sie auf die Oberfläche des Tisches drückte und unentwegt anstarrte.

„Hi!“

„Lass mich in Ruhe!“, schoss es aus ihm heraus wie eine Kugel aus einer Pistole und er war selbst erschrocken darüber, wie ihm der Finger so leicht über den Abzug gerutscht war. Aber die Patrone prallte auf dem Herzen dieses Mädchens ab wie eine Papierkugel, die jemand aus dem perforierten Rand eines Notizblocks zusammengedrückt hatte, am Kopf eines Mitschülers abprallt und lediglich etwas Irritation auslöst.

Sie sah ihn nun also etwa genauso irritiert an, als hätte er sie mit einer Papierkugel beworfen, machte aber keine Anstalten, ihn tatsächlich in Ruhe zu lassen, so wie er es von ihr verlangt hatte.

Was denkt sich die Kleine eigentlich?, fragte sich Rick und legte seine anfänglichen Gewissensbisse ebenso schnell wieder ab, wie sie aufgetaucht waren. Sie war wohl etwas jünger als er, hatte ein einigermaßen niedliches Gesicht und langes, braunes Haar.

Sie sah ihn so lange an, bis es ihm unangenehm war. Er schloss seine Augen, stieß einen Seufzer aus und ging allein deshalb auf ihre aufdringliche Art ein, um die Stille zu brechen und nicht etwa, weil er tatsächlich mit ihr hätte kommunizieren wollen.

„Was willst du?“

„Ich bin Nari.“

„Ich hab dich gefragt, was du willst und nicht, wie du heißt.“

Nari strahlte ihm nur dieses unentwegte Dauergrinsen entgegen, ohne darauf einzugehen, was er ihr schon wieder an den Kopf geworfen hatte.

„Rick.“, brummte er ein wenig reuevoll.

„Du bist neu hier, oder?“

„Ist das nicht offensichtlich?“

„Sehr schön! Ich bin auch neu.“

Rick hob überrascht die Augenbrauen an. Mit einem Mal war sie wesentlich interessanter für ihn geworden als zuvor. Aber konnte sie ihn deshalb besser verstehen als die anderen auf diesem Stützpunkt? Wohl eher nicht.

„Wie lange bist du schon hier?“

„Vier Jahre.“

„Du nennst das neu?“, fragte er enttäuscht und runzelte die Stirn. Nari lachte ihn daraufhin etwas verlegen an und kratzte sich am Kopf. Was für eine seltsame Eigenart war das denn für ein Mädchen?

„Wie alt bist du denn?“, fragte sie ihn unverblümt.

„14.“

„Nur ein Jahr älter als ich.“, stellte sie erleichtert fest und Rick fiel fast vom Glauben ab. Sie verhielt sich wie höchstens zehnjährig. War sie irgendwie zurückgeblieben oder so was in der Art?

„TT ist echt superspannend! Am Anfang ist es für dich vielleicht noch etwas verwirrend mit den ganzen Teilchenverbänden und Magnetfeldern und Verschiebungen und so. Aber du kommst schon klar, da bin ich mir sicher. Du siehst echt total schlau aus, weißt du das? Ich meine, nicht wie ein Streber oder so, sondern schon ganz cool und… ach, was rede ich denn da!? Oh, da kommt ja schon Nick. Das ist unser Lehrer. Ist er nicht cool? Naja, ich muss mich setzen, sonst ärgert er mich wieder. er ist aber nicht gemein oder so – nicht dass du jetzt das falsche von ihm denkst! Ach ja, willst du später zusammen mit mir üben?“

„Meinetwegen.“, knurrte Rick genervt, allein schon damit sie endlich aufhören würde zu reden wie ein Wasserfall.

„Echt? Das wäre ja… ich meine, bis später!“

Endlich war sie wieder weg. Dieses Mädchen hatte wirklich ein paar ernsthafte Probleme. Aber gut, die hatte Rick ja schließlich auch. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, erstmal zusammen verplant zu sein.

 

(c) Julian Jungermann

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