Kapitel 9

 

Als er aufwachte, starrte er auf eine fremde Decke. Crye drehte den Kopf und bemerkte, dass er sogar in einem anderen Bett lag. Es war mit einem weißen Vorhang vom Rest des Raumes abgeschnitten.

Nicht im Ernst, oder?

Crye brauchte nicht lange, um zu realisieren, dass er auf der Krankenstation lag. Er versuchte, aufzustehen, doch sein Körper fühlte sich an wie am Bett festgeschraubt, seine Arme und Beine wie Blei. Den Kopf konnte er kaum anheben, nur ein wenig drehen. Ein saurer Geschmack lag ihm auf der Zunge. Als er den Mund öffnete, kamen nur einige Laute hervor, die jedoch ihren Zweck erfüllten: Der Vorhang wurde zur Seite geschoben und eine Pflegerin lächelte ihm entgegen. Er kannte sie von irgendwoher. Hatte sie ihn damals behandelt, als er in die Union gekommen war?

„Na, sind wir wieder wach? Du hast lange geschlafen.“

Crye wollte fragen, wie spät es war, aber er brachte kein Wort über die Lippen.

„Mittag.“, antwortete sie hellseherisch. „Gehe es bitte langsam an. Deine Stimme wird bald zurückkommen.“

Crye runzelte die Stirn und sah wieder zur Decke. Wie war er hierher gekommen?

Ich bin doch gestern Abend ganz ruhig eingeschlafen? Geträumt habe ich auch nichts Besonderes. Zumindest nicht so besonders, dass ich mich daran erinnern würde.

„Du hast deine Nachbarn geweckt, mein Lieber. Hast ziemlich laut geschrien im Schlaf.“, erklärte die Pflegerin. „Die Anfälle sind wohl im Schlaf aufgetreten: Epileptische Zuckungen und Krämpfe, aber bei Bewusstsein warst du nicht. Die Diagnose ist Überbelastung.“

Das kann ich mir vorstellen. Immerhin war ich in letzter Zeit des Öfteren ausgelaugt. Dann die Kopf- und Gliederschmerzen.

Crye hätte der Pflegerin gerne davon erzählt, wenn er gekonnt hätte.

„Ruh dich noch ein wenig aus. Das hilft am ehesten. In ein oder zwei Stunden sieht die Welt schon wieder ein bisschen besser aus.“

Diesen Ratschlag befolgte er nur zu gerne, da er, kaum aufgewacht, schon wieder müde wurde. Nachdem er für einige Minuten die Augen geschlossen hatte, um etwas zu dösen, bekam er nicht mehr viel von seinem Umfeld mit. Als er seine Augen wieder öffnete, saß Rob neben seinem Bett.

„Sieh mal einer an. Die Personalaufsicht?“

„Wie ich sehe, kannst du dein Mundwerk wieder benutzen.“, bemerkte Rob sichtlich amüsiert und schlug Crye auf die Schulter.

„Autsch. Das ist Krankenbelästigung.“

„Selbst dran Schuld, Jungchen. Was macht du auch für Sachen?“

„Ich habe eigentlich schon seit ein paar Tagen Kopf- und Gliederschmerzen, die mich am Einschlafen hindern, konnte es aber noch niemandem sagen.“

„Du Leuchte. Hab ich dir nicht gezeigt, wo du die Krankenstation findest?“

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm wird.“, beteuerte Crye und zuckte mit den Schultern, nur um zu testen, ob es funktionierte.

„Sobald du die Teilchen spürst, beginnt das Gehirn, dein komplettes Umfeld neu zu rekonstruieren. Erzielt man nach und nach Fortschritte, ist die Umstellung weniger dramatisch, aber du scheinst es ziemlich eilig zu haben. Ich habe mit Selene darüber gesprochen. Anscheinend hast du deinem Oberstübchen etwas zu viel aufgebürdet.“

„Ich hatte keine Wahl. Jetzt, wo ich so nah dran war.“

„Wo dran?“

Crye hätte sich ohrfeigen können. Damit hatte er Rob praktisch eine Zustimmungserklärung zu seiner idiotischen Geschichte unterzeichnet.

Aber was soll ich machen? Im Moment glaube ich ja wirklich, dass da etwas ist.

„Ich kann es nur noch einmal sagen: Lass dir Zeit. Eine solche Kontrolle, wie du sie gerne hättest, kommt nicht über Nacht.“

„Es geht mir nicht so sehr um die Teilchen. Ich glaube, dass ich die ganz gut im Griff habe. Was mich stört ist das Kampftraining.“

„Warum das denn?“

„Ich habe das Gefühl, dass ich den Transfer der Fortschritte aus der Meditation auf den Kampf nicht hinbekomme – und da ich wenig Talent beim Kämpfen habe, verstehe ich Taktische Theorie genauso wenig.“

„Du siehst also, dass alles miteinander zusammenhängt? Na gut, dann spreche mal mit Selene.“

„Warum mit Selene?“

„Ich sage ihr, dass du in nächster Zeit unregelmäßig zur Meditation kommen wirst. Deine Ausrede ist Regeneration, aber du weißt ja, was du stattdessen übst, nicht wahr?“

„Kampftraining? Aber findet das nicht immer danach statt?“

„Die Arena und der Meditationssaal sind generell zum Training geöffnet, wenn nicht gerade Unterricht stattfindet. Nur wirst du zu den irregulären Trainingszeiten eventuell auch andere Leute dort treffen. Soldaten, die für ihre Einsätze trainieren.“

„Auch dieses rothaarige Mädchen?“

„Rothaarig?“ Rob hob die Augenbrauen an.

„Ja, sie hatte langes, rotes Haar. Etwas wellig. Sie hatte so ein kitschiges Oberteil an.“

Zu Cryes Verwunderung fing Rob plötzlich an, lauthals zu lachen. Als er sich wieder beruhigt hatte, sagte er: „Nein, die wirst du mit Sicherheit nicht in der Trainingshalle treffen.“

„Warum nicht?“

„Magst du sie etwa?“

„Quatsch!“, rief Crye etwas verdattert. „Zieh nicht immer solche Schlussfolgerungen! Warum kommt sie denn nicht trainieren?“

„Ich sag dir warum: Weil sie stinkfaul ist!“

Rob lachte erneut und rieb sich dabei die Tränen aus den Augen. Danach wirkte er etwas müde. Erst jetzt fielen Crye die Augenringe auf.

„Na, fehlt da jemanden Schlaf?“

„Schlaf? Was ist das?“, fragte Rob und stand wieder auf. „Ich muss los. Es gibt viel zu tun.“

„Eine Frage noch.“

„Aber natürlich, frag nur. Immerhin bist du mein Lieblingseinführungsschüler.“

„Was ist eigentlich mit den ganzen Frauen hier los? Manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Union ein diktatorisches, amazonengeführtes Regime.“

Rob sah ihn eine Weile an, dann grinste er verlegen. „Dir ist es also aufgefallen?“

„Wie sollte es jemandem nicht auffallen?“

„Was soll ich sagen? Ich hab’s gern mit einem hohen Frauenanteil. Ist das nicht viel gemütlicher?“

„Nicht mit diesen Frauen.“

„Ja, manchmal hast du Recht.“ Rob lächelte und versank kurz in Gedanken, ehe er Crye wieder ansah und sagte: „Weißt du, das erkläre ich dir ein andermal.“

Warum hab ich das erwartet?

         Nachdem Rob gegangen war, entschied sich Crye, noch etwas zu dösen. Die Ruhe tat ihm gut und in seinem Halbschlaf fühlte er, wie neues Leben durch seine Glieder floss. Etwa eine Stunde nach Robs Besuch brachte ihm die Pflegerin eine Schüssel voll mit diesem Mensafraß, den Crye über alles liebte. Sie war sich vollkommen sicher, dass er damit wieder in Nullkommanichts auf die Beine kam. Da er sich langsam an die Brühe gewöhnt hatte, schlang er sie hinunter und lag dann noch eine Stunde wach herum, in der – abgesehen von seinem Toilettengang – nicht viel passierte.

Am späten Nachmittag kam dann Nick zu Besuch. Da er müde aussah, musste er wohl gerade vom Training gekommen sein.

„Na, war es heute anstrengend?“

„Im Training? Das ging ja noch. Heute Nacht war alles viel hektischer.“

„Heute Nacht?“

„Ich hab dich schreien gehört. War sofort zur Stelle und hab bemerkt, wie sie dich abgeschleppt haben. Danach war ich noch eine Weile auf der Krankenstation, bis sie dich beruhigt hatten. Erst dann hatten sie Zeit, mich rauszuschmeißen. Echt gruselig, Alter.“

„Oh man.“, flüsterte Crye verlegen. „Wer hat das denn noch alles mitbekommen?“

„Ein paar. Nicht alle, aber viele Wenige.“

„Das ist ja echt beruhigend.“

„Ja, naja, schwamm drüber.“

„Kann ich dich um etwas bitten?“

„Solange du mich nicht fragst, gutes Essen zu organisieren, kann ich fast alles tun.“

„Es geht um das Kampftraining. Ich würde gerne außerhalb der Trainingszeiten in der Halle trainieren. Könntest du mir helfen?“

„Du willst außerdem noch Kampftraining machen, nachdem du vor lauter Überanstrengung Anfälle hattest?“

„Ich werde Meditation eine Weile aussetzen.“

„Ob das Selene gefallen wird?“

„Sie weiß wahrscheinlich schon Bescheid.“

„Sie weiß was?“

„Rob meinte, dass er mich entschuldigt.“

WER?“ Nick sah ihn mit riesigen Augen an. „Warum siehst du eigentlich ständig Rob und sonst niemand? Kann es sein, dass du unter Schizophrenie leidest oder so?“

„Ich kann mir nicht helfen, er hat mich eben besucht. Zumindest spricht er mit Selene.“

„Ich fasse es nicht. Aber wenn der Chef dir Extratraining im Nahkampf verschreibt, dann hab ich ja keine Wahl als dir zu helfen. Zumindest wenn ich noch fit genug bin, nachdem ich das Standardprogramm absolviert habe.“

„Danke dir.“

„Keine Ursache. Du, Crye, ich geh dann auch mal duschen und ruh mich noch eine Weile aus. Kommst du morgen wieder?“

„Keine Ahnung. Ich weiß von nichts.“

„Dann wahrscheinlich nicht. Naja, falls ich dich nicht sehe, komm ich wieder vorbei.“

Nick verließ die Station und Crye blieb allein zurück. Nachdem er ein paar Minuten zur Decke gesehen hatte, seufzte er gelangweilt, richtete sich auf und verließ sein Zimmer. Auf dem Korridor, der zum Ausgang hin an den restlichen Krankenzimmern vorbeiführte, traf er die Pflegerin, die immer in seinem Zimmer nach dem Rechten sah.

„Wie ich sehe, ist unser Patient wieder auf den Beinen. Wie fühlt man sich?“

„Danke, ganz gut. Wann kann ich gehen?“

„So wie du hier herumspazierst, wahrscheinlich schon morgen früh. Falls du gehst, musst du aber zum Unterricht, das ist die Regel. Also, wenn du erst noch einmal Ruhe brauchst, rate ich dir, noch einen Tag krank zu machen.“

„Es ist nicht so, dass ich das absichtlich mache.“, brummte Crye.

„Natürlich nicht, entschuldige.“ Sie lachte und ging an ihm vorbei.

Das hat sie nicht ernst gemeint.

Crye tappte einige Male den Gang auf und ab, bis es Abendessen gab, von dem es sich nicht lohnen würde, zu berichten. Nach dem Essen fühlte er sich etwas ermüdet von seinen Spaziergängen und entschied, sich seelisch und moralisch auf die gute Nacht vorzubereiten. Als das Licht im Zimmer gedimmt war und er im Begriff war, einzuschlafen, hörte er das Knacken der Türklinke. Gespannt beobachtete er den Vorhang vor seinem Bett und erkannte dann mit Überraschung, dass Sheela hindurchlugte.

„Hast du geschlafen?“, flüsterte sie. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken.“

„Ich war noch wach.“

Er wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Sie kam langsam hinter dem Vorhang hervor, machte aber keine Anstalten, sich auf den Hocker zu setzen, der neben seinem Bett stand.

„Ich wollte nicht lange bleiben und dich stören. Eigentlich wollte ich nur mal sehen, wie es dir geht. Ich habe heute morgen gehört, dass du geschrien hast.“

„Na toll. Das scheint ja echt jeder mitbekommen zu haben.“

„Mach dir keine Sorgen. Die meisten hat es ohnehin nicht interessiert.“

„Dann bin ich ja erleichtert.“

„I-Ich meine-! I-Ich wollte nicht-!“, stammelte sie, bis Crye anfing zu lachen und sie mit ihm kicherte.

„Wie geht’s dir denn? Wann kommst du wieder zum Training?“

„Alles so weit in Ordnung. Auch wenn ich glaube, dass ich morgen noch nicht zur Meditation kommen werde.“   Crye entschied, es dabei zu belassen. Seitdem Nick immer so einen Aufstand machte, sobald er Rob erwähnte, hatte er nicht sonderlich Lust, sich wieder in Verlegenheit zu bringen.

„Dann ist ja gut.“, sagte sie und schenkte ihm eines ihrer Lächeln, die ihn so fasziniert hatten. „Also sehen wir uns wohl wieder beim Kampftraining?“

„Ich gehe mal davon aus.“

„Fein. Dann will ich dich auch nicht länger stören. Gute Nacht!“

„Dir auch eine gute Nacht.“

Als Sheela weg war, blieb Crye noch eine Weile wach liegen und dachte nach. Vielleicht hatte er sie ja doch ein bisschen falsch eingeschätzt? Vielleicht sollte er seine Einstellung ein wenig ändern und weniger misstrauisch sein, denn irgendwie tat es ihm jetzt ein bisschen leid, dass er in letzter Zeit so abweisend ihr gegenüber reagiert hatte. Er würde versuchen, es in nächster Zeit wieder gutzumachen.

Aufgeschlossener sein. Das heißt nicht, dass ich unvorsichtig werde. Vielleicht nur ein bisschen… offener?

 

(c) Julian Jungermann

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